Wie aus Gastgebern Freunde werden
Marguerite stellt den Tee auf den Nachttisch, ohne ein Wort zu sagen. Draußen regnet es in Strömen, und ich liege im Bett einer fremden Frau, schniefe und huste. Das Kissen ist mir zu hoch, die Berührung der fremden Bettwäsche irritiert mich. Zu allem Überfluss liege ich seit Stunden wach – Jetlag. Das war nicht der Plan.
Gestern Abend sind wir in Christchurch, Neuseeland, angekommen. Endlich. So viele Jahre hatten Rainer und ich uns eine gemeinsame Reise gewünscht. Ein langes Abenteuer, eine richtige Auszeit, irgendwo weit weg. Und jetzt lässt mich mein Körper vollkommen im Stich. Ich wünschte mir, wir wären in einem Hostel oder einer kleinen Ferienwohnung. Ich fühle mich schlecht, denn ich will unseren 70-jährigen Gastgebern Marguerite und Herb nicht zur Last fallen. Und gleichzeitig weiß ich, dass sie sich gerne um mich kümmern. Mir Tee kochen, dafür sorgen, dass ich esse, und mich aufmuntern mit facettenreichen Geschichten von ihren Reisen. Wir bewundern sie für ihren Tatendrang, für ihre Fitness. Besonders Rainer ist fasziniert, sie sind von der ersten Sekunde an echte Vorbilder für ihn. Nicht nur haben sie in ihrem Leben schon auf gefühlt jedem Kontinent ein Abenteuer erlebt. Sie machen auch heute noch regelmäßig Tages- und Mehrtagestouren mit dem Fahrrad, die mit meinen Touren vergleichbar sind. Ohne e-Antrieb versteht sich.
Am nächsten Tag quäle ich mich aus dem Bett. Rainer fühlt sich nicht wohl damit, die Räder ohne mich abzuholen. Schließlich kennt er sich mit Fahrrädern wenig aus und sorgt sich, dass er Mängel übersieht oder nicht einschätzen kann, ob die Fahrräder zu uns passen. Ich stelle mir mal wieder die Frage, was mich geritten hat, ihn davon zu überzeugen, dass wir die ersten drei Wochen in Neuseeland auf dem Fahrrad verbringen. Ich habe Angst, dass es ihm nicht gefallen wird. Dann würden wir drei Wochen unserer Auszeit verschwenden. Denn ich kann mich nur über unsere Radreise freuen, wenn auch er eine gute Zeit hat.
Ohnehin ist an Losfahren gerade nicht zu denken. Mir wird mehr und mehr klar, dass meine Hoffnung, die Erkältung würde ihren Griff schnell wieder lockern, vergeblich ist. Ich ärgere mich, weil uns so wertvolle Zeit auf dem Rad verloren geht. Weil wir die Fahrräder auch für ungenutzte Tage bezahlen müssen. Und weil wir gerade die Pläne unserer fürsorglichen Gastgeber durchkreuzen. Zum Abendessen schaffe ich es nicht, aufzustehen. Aus der Küche dringt munteres Geplapper und Gelächter zu mir ins Bett. Ich schmunzele und denke "Rainer schafft es mal wieder, mit seiner unnachahmlichen Fröhlichkeit das Beste aus der Situation zu machen."
Nachdem ich später doch noch ein paar Happen gegessen habe, fangen wir an, uns Alternativen zu überlegen. Wir könnten den Fernbus nehmen und einen Teil der geplanten Strecke, der ohnehin unattraktiv ist, überbrücken. Wir checken die Buspreise – auf der Strecke viel zu teuer. Erst recht, wenn wir sie doch kostenlos mit unserer eigenen Muskelkraft bezwingen wollten. Noch frustrierender wird es, als wir trotzdem beim Busunternehmen anrufen. Nur um festzustellen, dass die Fahrradmitnahme auf dieser Teilstrecke nicht möglich ist. Marguerite und Herb bieten an, uns zu fahren. Sie versichern, es würde ihnen nichts ausmachen. Aber zweieinhalb Stunden hin, zweieinhalb Stunden zurück, das können wir ihnen beim besten Willen nicht antun. Leider bleiben uns langsam keine Optionen mehr. Würden wir ein paar Tage später in Christchurch loszuradeln, verpassten wir nach hinten heraus die besten Strecken. Optionen abseits des Autos gibt es auf der dünn besiedelten Südinsel Neuseelands scheinbar nicht.
"Ich hab's!" ruft Marguerite da plötzlich inmitten unserer Krisensitzung. "Unser Sohn überführt regelmäßig Autos von Wellington zu einer anderen Großstadt, um von dort das Flugzeug zu nehmen. Er bezahlt dann nur den Sprit." Stille im Raum. Man hört förmlich, wie es bei allen Klick macht. Warum nicht? Warum nicht ein Auto von Christchurch nach Queenstown? Mit den Fahrrädern im Gepäck? Wir schauen uns an. Dann fangen alle gleichzeitig an zu googlen. Marguerite ruft ihren Sohn an. Eine halbe Stunde später haben wir über zwei Portale drei Anfragen für die Überführung eines großen Wohnmobils verschickt. Innerhalb von 24 Stunden sollen wir Rückmeldung erhalten. Jetzt bleibt nur warten und hoffen.
© Herb ChristophersAls es mir am nächsten Tag etwas besser geht, nutzen wir die Zeit für einen kleinen Ausflug im Auto mit Aussichten auf die Buchten und Strände von Christchurch. So bekomme ich doch noch etwas anderes von der Umgebung zu sehen als Bettwäsche und Schnupftücher. Alle halbe Stunde nerve ich Herb mit der Bitte, mir einen Hotspot zu geben. Eigene SIM-Karten haben wir uns noch nicht holen können. Ich schaue in mein E-Mail-Postfach, logge mich in die Portale ein. Nichts! Nur die Standardinfo, dass unsere Anfrage in Bearbeitung ist. Langsam schwindet die Hoffnung, die 24-Stunden-Frist ist bald um. Ein Gefühl, gestrandet zu sein, macht sich in uns breit. So wollten wir nicht in unsere lang ersehnte Reise starten. Wobei Rainer vielleicht heimlich froh ist, ein paar Tage weniger auf dem Rad zu haben. Wer weiß?!
"Juhuu!" tanze ich freudestrahlend ins Wohnzimmer, wo sich Rainer gerade mit unseren Gastgebern unterhält. Für einen Moment fühle ich mich gar nicht mehr krank. "Ihr wisst nicht, was gerade passiert ist: wir haben einen Camper! Morgen kann es schon losgehen!!!" falle ich Rainer um den Hals. Die Agentur hatte sich sogar bei mir entschuldigt, dass sie sich so spät gemeldet haben. Allerdings mussten sie auf Grund der Kurzfristigkeit unserer Anfrage erst noch überprüfen, ob sie genügend Personal hatten, um das Wohnmobil noch für uns vorzubereiten.
Am nächsten Tag holen wir den Wagen ab, verstauen die Räder auf dem Gepäckträger, lagern noch das ein oder andere überflüssige Teil im Hause der beiden. Es folgt ein Abschiedsfoto mit uns vor dem Wohnmobil. Die Gewissheit, dass wir Marguerite und Herb in ein paar Wochen wiedersehen und ich mich dann in gesundem Zustand bei ihnen bedanken kann. Das Losrollen trägt all dies in sich, während die Sonne mit uns um die Wette strahlt. Was für ein Glück wir haben, dass wir nach einem Auto gesucht und ein Wohnmobil gefunden haben. Das Abenteuer geht los, so anders als gedacht.
Abends, auf einem freien Stellplatz am eisblauen Lake Pukaki mit Blick auf den Mount Cook und umliegende Berge, fühlt es sich endlich wie die Reise an, die wir uns so gewünscht hatten. Wir kuscheln uns aneinander. Das erste Mal im gleichen Bett, weil ich nicht mehr ansteckend bin. Wir genießen die Aussicht auf schneebedeckte Berge und die Erinnerung an die klare, frische Luft am See, wo wir ein uns ein wenig die Beine vertreten haben. Und die Zufriedenheit, dass meine Erkältung dazu geführt hat, dass wir unsere Gastgeber nun Freunde nennen können.
© Jana Hasenberg
© Jana HasenbergDer Dampfer legt ab, heiser tutend, und Queenstown schrumpft zu einem Farbfleck am Ufer. Das Wohnmobil haben wir am Vortag abgegeben und uns spontan eine Überfahrt auf der TSS Earnslaw gesichert. Sie ist über hundert Jahre alt und tuckert mit einer Gemächlichkeit über den Lake Wakatipu, die einen zwingt, einfach zu stehen und zu schauen. Hinter uns die Stadt, vor uns die malerischen Berge der Südinsel, und ich stehe an der Reling und denke: Das also ist Neuseeland.
Kurz danach sitzen wir auf unseren Rädern auf dem Around the Mountains Cycle Trail. Es ist der erste Tag im Sattel, und mit dem ersten Pedalschlag spüre ich es – etwas fällt ab. Die Anspannung der letzten Jahre, die diffuse Unsicherheit. Weg. Mein Freund fährt neben mir, kein leidenschaftlicher Radfahrer, und trotzdem sieht er glücklich aus. Was sonst, Rainers Gemüt wirft so leicht nichts aus der Bahn, selbst eine Fahrradreise durchs bergige Neuseeland nicht.
Abends, irgendwo im Otago-Hinterland: Mein Grinsen weicht mir nicht vom Gesicht. Wir haben einen abgeschiedenen Zeltplatz ergattert, sonst ist niemand hier. Wir baden mit Blick auf Berge, waschen uns den Schweiß und Staub des Tages vom Körper. Und sprechen darüber, wie sehr wir uns wünschen, auch mit 70 Jahren noch solche Momente erleben zu dürfen.
© Herb Christophers
© Rainer Goll
